Estland, kurzer Besuch in Lettland und Heimreise

17 juli 2025 - Nijmegen, Nederland

Oje oje, ihr Lieben, ihr habt sicher gar nicht mehr damit gerechnet, dass da noch was kommt... Inzwischen bin ich viel selbstgestellte Deadlines weiter, ich kann mir nicht vorstellen, dass es für euch interessant ist, nach fast zwei Jahren meinen letzten Reisebericht noch zu lesen. Aber ich möchte ihn gern für mich selbst fertigstellen, zumal ich ihn bereits auf der Fähre zurück nach Deutschland angefangen hatte…

Also versetze ich mich jetzt zurück in die Zeit, nehme den angefangenen Bericht vom 25. September 2023 „zur Hand“, und schreibe am Ende davon einfach weiter, als wäre „nichts passiert“.. haha... Wenn ich nämlich mein Tagebuch mit den Aufzeichnungen lese und in meinem Kalender sehe, an welchem Tag ich wo übernachtet habe, bin ich sofort wieder drin.

25. September 2023:

Jetzt bin ich wirklich schon „richtig“ unterwegs nach Hause, und zwar auf der Fähre von Liepāja in Lettland nach Travemünde/Lübeck. 22 Stunden auf der Ostsee bei gleichmäßig brummenden Motoren und ruhigem, ab und zu leicht schaukelndem Fahren Richtung Westen, im Moment der untergehenden Sonne entgegen. Mein Herz ist bis zum Rand mit Gutem und Schönem gefüllt, ich fühle mich so reich und dankbar, immer noch und immer wieder!

Ich teile die Meinung von Blaise Pascal dann auch ganz und gar nicht, scheinbar sagte er, das ganze Elend der Menschen komme dadurch, dass sie nicht in ihrer Kammer bleiben können… Diese Behauptung begegnete mir mal unterwegs, weiß nicht mehr, wann und warum.

Meine Zeit in Estland, ja, eigentlich ging es nahtlos weiter mit schönen Begegnungen und guten Erfahrungen, ich erlebte die Menschen ähnlich wie in Finnland, freundlich und hilfsbereit, vielleicht dass sie etwas mehr auf andere Menschen zugehen, aber das klingt schon wieder viel zu allgemein. Eine Frau, die mich bei einer Vesperpause an einer Bushaltestelle mit Hollywoodschaukel sah (siehe Foto), hatte mich zum Kaffee eingeladen, worauf ich natürlich gern einging. Sie meinte, sie lade öfters jemanden ein, der hier sitze, aber die Esten seien sehr zurückhaltend, sie würden die Einladung oft nicht annehmen. Auf meine Bemerkung, sie sei doch auch Estin und nicht zurückhaltend, sagte sie als Erklärung, sie habe 20 Jahre lang in Südfrankreich gewohnt. Vor kurzem ist sie mit ihrem Mann auf das elterliche Grundstück mitten im Wald gezogen. Da sehe man nachts schon mal Bären oder Luchse, die an ihrem Haus vorbeikommen.

In Estland bin ich noch etwa 700 km geradelt, insgesamt ungefähr 2000 km. Hier ist es recht flach, d.h. man kann ohne große Anstrengung radeln und dabei die Gedanken in alle Richtungen spazieren gehen lassen, herrlich. Dass die Saison vorbei ist, merke ich nicht nur an den verpassten Veranstaltungen, sondern auch daran, dass viele Unterkünfte geschlossen sind, oder dass ich öfters der einzige Gast bin. Mehrmals kam es vor, dass eine Herberge nur für mich nochmal geöffnet wurde, und ich dann „Alleinherrscherin“ war. Und einmal wurde sogar der Besitzer des Dorfladens nach der Öffnungszeit herbeigetrommelt, so dass ich mir in der Herbergsküche noch was zum Essen machen konnte.

Ich hatte immer Glück und rief die richtigen Leute an. Eine Frau erreichte ich im Auto, während sie mit ihrer Mutter unterwegs war, und dieser Mutter eigentlich versprochen hatte, den ganzen Tag für sie zu reservieren. Doch sie fand mich am Telefon sympathisch (sagte sie später) und war bereit, abends zu der Unterkunft zu kommen und mir alles zu zeigen, und das ganze Haus anzuvertrauen. Ein wunderschönes Gebäude am Rand eines großen Nationalparks, Vilsandi, mit etwa 160 geschützten Inseln und Inselchen. Bereits 1910 war dieses Gebiet ein Vogelreservat, und ist bis heute ein wichtiger Platz für Zugvögel. Ein Drittel aller geschützten Pflanzensorten in Estland kann man hier finden. Ich bin nicht im Reservat gewesen… wieder etwas für das nächste Mal, die Liste wird immer länger… Das Ganze befindet sich auf und an der Insel Saaremaa, der größten von Estland. Hat mir sehr gut gefallen. Diese Frau (im Auto) nahm sich auch noch die Zeit für ein Gespräch, in dem wir auf die Veränderungen seit der Unabhängigkeit in den 90er Jahren kamen. Das erste und wichtigste, was ihr einfiel, war die Freiheit. Sie war damals Anfang 20 und studierte. Zu Sowjetzeiten konnte man nach dem Studium nicht wählen, wo man arbeiten wollte. Man wurde dahin geschickt, wo man jemanden brauchte, und da musste man dann auch hin. Sie fand, dass viele junge Leute diese Freiheit als etwas zu Selbstverständliches nehmen und sich nicht mehr für etwas einsetzen müssen. Ja, wenn man nie erfahren hat, was Unfreiheit bedeutet, ist es viel schwieriger, die Freiheit zu schätzen. Und gerade deshalb so wichtig, es immer wieder zu sagen, zu hören und es sich bewusst zu machen finde ich.

Auf Saaremaa gibt es noch viel Schönes zu sehen, auch ein paar Steilküsten, eine davon habe ich gesehen, Panga Kliff. Da ganz in der Nähe wohnt Senfproduzent Andreas aus Dortmund mit seiner ebenfalls deutschen Partnerin. Auf seinem Gelände hat er einen kleinen Stand mit seinen Produkten, und eine Thermoskanne Kaffee für spontane Kunden... Eine willkommene Pause mit der Gelegenheit, mal wieder deutsch zu reden. Ich frage ihn, was sich seit dem Krieg in der Ukraine verändert hat. Er merke nicht viel davon, allerdings werden viel mehr Bäume gefällt für den Export, weil von
Russland kein Holz mehr exportiert wird. Die riesige Abholzung war mir tatsächlich auch aufgefallen.

Es gibt ein nettes Städtchen, das einzige auf der Insel, Kuressaare, 16000 Einwohner. Da habe ich zwei Nächte verbracht, in einem einfachen Hostel, in dem einige Männer aus dem Ausland wohnten, die in Kuressaare arbeiten, u.a. Said aus Tadschikistan. Er arbeitet als Malermeister den größten Teil des Jahres dort, während seine Frau mit vier Kindern zu Hause in Tadschikistan lebt. Das würde er bestimmt nicht machen, wenn er zu Hause genug Geld verdienen könnte. Er spricht russisch (die Wladimir-Sprache, wie er sagt) und persisch, das sind ausgerechnet die beiden Sprachen, die ich am wenigsten beherrsche… haha… Da ist so ein Google Translate doch sehr angenehm. Während er am Kochen war, führten wir über unsere Handys eine lebendige Unterhaltung, und ich musste natürlich mitessen, aber nicht nur das. Er hatte viel zu viel gekocht, und stopfte mir meine Vorratsdose mit seinem leckeren Essen voll, zum Mitnehmen, dazu bekam ich noch Kräuter aus seinem Heimatland und eine Einladung! Die Gastfreundschaft sei bei ihnen im Blut sagt er. Ich weiß fast nichts über Tadschikistan, kann das Wort kaum ohne Hapern aussprechen. Zeit, etwas daran zu ändern… J

In Kuressaare lese ich, dass am Wochenende auf der ganzen Insel ein food festival stattfindet, auch in einem kleinen Ort namens Sakla, das zufällig auf meiner Route liegt. Das lasse ich mir nicht entgehen... Was ich antreffe, ist ein herrlich „dörfliches“ Dorffest um eine Art Gemeindehaus herum, mit einer Art Café und einer Art Museum im Keller (siehe Fotos „Estland: Inseln und Pärnu“ und Videos). Was das Alter betrifft, falle ich wahrlich nicht auf haha… Ansonsten werde ich neugierig betrachtet und bekomme allerlei Leckereien serviert. Auf dem Podium im Gemeindesaal bietet der örtliche weibliche Seniorentanzverein ihre Volkstänze dar – köstlich! Es könnte glaube ich jedes beliebige Dorf in ganz Europa sein. Trotz der Bitte, ich möchte doch unbedingt bleiben zum Übernachten (eine Frau war schon damit beschäftigt, mir im Gemeindesaal einen Schlafplatz herzurichten) ziehe ich weiter. Es ist erst Nachmittag, die Sonne strahlt großzügig vom Himmel, ich möchte noch ein bisschen radeln. Ich merke jedoch einmal mehr, wie spät ich in der Saison unterwegs bin. Ich muss viel telefonieren, bis ich einen Campingplatz finde, der „eigentlich“ schon geschlossen ist, aber die nette Eigentümerin vermietet mir doch noch ein gemütliches kleines Fass, da ich sonst nichts mehr finden würde, wie sie mir versichert. Sie wohnt mit ihrer Familie während der Sommersaison hier und betreibt den Campingplatz. Fast alles ist bereits auf- und weggeräumt für das nächste Jahr. Morgen ziehen sie wieder um nach Tallinn, wo sie normalerweise wohnen, und stürzen sich wieder in Arbeit, Schule, Kultur, Ausgehen usw. Im Sommer jedoch macht das hektische Treiben in der Hauptstadt Platz für ein Leben in der Natur. Sie erzählt, dass viele Einwohner von Tallinn, wo ein Drittel der gesamten estnischen Bevölkerung lebt, es so machen. Da die Sommerferien etwa zweieinhalb Monate dauern, ist das gut möglich.

Von der Insel Saaremaa geht es über die kleine Insel Mihnu aufs Festland zurück und weiter durch eine schöne Gegend an der Küste entlang Richtung Süden. Es ist Mitte September, in zwei Wochen bin ich wieder an der Arbeit, kaum vorstellbar! Ich habe die Fähre von Liepāja nach Travemünde gebucht, jetzt muss ich langsam planen, ich will nämlich auf keinen Fall zum Schluss noch in Stress geraten. Trotzdem entscheide ich mich kurzfristig, Kihnu zu besuchen, eine etwa 17 km² kleine Insel in der Rigaer Bucht mit ca. 700 Einwohner, die man ein- oder zweimal am Tag mit einer einstündigen Schiffsfahrt erreichen kann. Sie ist seit dem 15. Jahrhundert besiedelt, die Kultur der Bewohner hat sich unabhängig entwickelt und unterscheidet sich in Sprache, Kleidung, Volksliedern und Traditionen. „Das letzte Matriarchat von Europa“, so wird sie betitelt. Wo die Frauen mit wehenden Röcken auf alten Sowjet-Motorrädern mit Beiwagen herumflitzen.. und wo in den Sommermonaten die Hölle los ist; Oktoberfest, und das den ganzen Sommer lang. Ich treffe keine herumflitzenden Frauen und keine anderen Touristen, und ich bekomme von der Folklore leider nicht viel mit (außer im Museum und bei einer zufällig gehörten instrumentalen Kostprobe, siehe Fotos und Videos), aber ich liebe es auf der anderen Seite auch, die Insel in ihrem „natürlichen Zustand“ zu erleben, und z.B. in aller Ruhe mit den Museumsangestellten reden zu können. Die Verwalterin des Gästehauses kann ich mir übrigens sehr wohl mit wehenden Röcken auf einem Motorrad vorstellen. Freundlich resolut! So wie bei meiner Abreise: mein Plan war, wieder zurück aufs Festland (eine Stunde mit der Fähre), dann noch 40 km radeln bis Pärnu. Allerdings stürmte es derartig, dass es lange unsicher war, ob das Schiff überhaupt fahren konnte, und dann sollte ich mich auch noch mit dem Rad durch Sturm und Regen kämpfen. Schlussendlich grünes Licht für die Fähre, jedoch kurz vor dem Ablegen der Fähre, ich stehe an der Reling, sehe ich „Frau Gästehaus“ aufs Schiff rennen, sie reißt die Fahrertür eines Kleinbusses mit Anhänger auf, verhandelt kurz mit dem Fahrer, ruft mir daraufhin zu, er nähme mich mit bis 10 km vor Pärnu, und springt gerade noch rechtzeitig wieder vom Schiff… Also verladen wir mein Fahrrad samt Gepäck in den Kleinbus und verbringe ich 30 km neben einem sehr wortkargen (eher stummen) Fahrer, dankbar, dass ich wieder so ein Glück bekomme. Meinen gut gemeinten Fahrtkostenbeitrag schlägt er unwirsch ab, und weg ist er.

Pärnu, meine letzte Station in Estland. Ein nettes, freundlich anmutendes Städtchen, etwa 40 000 Einwohner, mit einem langen Strand, der im Sommer dichtbevölkert zu sein scheint. Pärnu gilt als die Sommerhauptstadt Estlands. Ich genieße zwei Tage die gemütliche nachsommerliche Stadt, und fahre danach mit dem Bus weiter über die Landesgrenze nach Liepāja in Lettland, zu meinem allerletzten Ort, bevor ich die Ostsee wieder überquere, dieses Mal von Ost nach West..

Ich habe Riga „übersprungen“. Ich habe so viel Schönes und Intensives erlebt, mein „Speicher“ ist voll. Ich würde der berühmten und besonderen Hauptstadt Lettlands nicht gerecht werden, und natürlich vor allem meinen eigenen Bedürfnissen nicht (Riga wird es egal sein, ob ich sie besuche...)  wenn ich noch kurz Zwischenstation in der größten Stadt des Baltikums (ca. 600 000 Einwohner) machen würde, um schnell schnell die Highlights abzuklappern. (Kommt nächstes Mal). Da verbringe ich lieber die letzten drei Tage in einer Kleinstadt, nehme Zeit, um alles ein bisschen zu verarbeiten und mich wieder auf zu Hause einzustellen. Drei Monate sind für mich scheinbar die passende Zeit als Alleinreisende, das war auf meiner Donaureise auch so. Danach freue ich mich wieder sehr auf das Wiedersehen mit Familie und Freunden, mein „Kuschelvorrat“ ist dann auch aufgebraucht.

Ich begegnete einem Radfahrer, ungefähr mein Alter, der sagte: ich komme aus Belgien, aber ich gehe nicht mehr zurück. Er hatte zu Hause alle Zelte abgebrochen, er habe keinen Partner, keine Kinder, dieses Getue habe er alles nicht, er lege nicht so viel Wert auf Freundschaften, und seine Familie kenne ihn. Totale Freiheit, losgelöst von allen (Ver)Bindungen. Absolut nichts für mich, aber für ihn stimmt es ganz und gar, das merke ich.

Liepāja also, eine Stadt mit ca. 87.000 Einwohnern, die laut Reiseführer „wie ein Dornröschen daliegt, das gerade erst wach geküsst wurde“. Um 1900 war sie ein wichtiger Handelshafen für das Russische Reich. Alexander III. ließ die Stadt gegen den deutschen Kaiser Wilhelm II. befestigen und richtete eine Militärbasis ein. Nochmal der Reiseführer: „Auch wenn die Infrastruktur und das touristische Angebot schon auf der Höhe der Zeit sind, hat die westliche Tourismusmaschinerie die verschlafene Schönheit noch nicht für sich entdeckt.“ Ich schlendere durch die Straßen, schaue mir die Markthalle an, betrachte die Jugendstilgebäude und bekomme sogar noch die letzte freie Karte in der ersten Reihe für ein fantastisches Cello-Klavierkonzert in dem auffälligen bernsteinfarbenen Konzertgebäudes. Zu meinem vollkommenen Glück gehörte, dass ich schlussendlich in genau der Wohnung landete, die ich mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte: hell, angenehm, Platz genug um mich ein bisschen auszubreiten. Ich hatte erst ein anderes Unterkommen (auch nicht schlecht, billiger, kleiner, die Küche mit jemand anderem teilen), als der Vermieter schuldbewusst nochmal vorbeikommt, er habe aus Versehen das Zimmer an mich vermietet, aber es wäre schon vergeben, normalerweise mache das seine Frau, und sie sei heute nicht da. Aber: sie haben aber noch andere eine Wohnung, ganz frisch renoviert, die könne ich zum selben Preis bekommen. Ich war der erste Gast. Wauw! Groß, hell, schön, sehr geschmackvoll, warm und harmonisch eingerichtet, Liebe fürs Detail. Ein perfekter Abschluss meiner besonderen Reise.

Montag 25. September 2023 steige ich auf die Fähre nach Travemünde… wobei der Kreis zum Anfang des Berichts wieder geschlossen wäre… J

Die Nacht auf der Fähre kann ich ruhigen Gewissens als ziemlich dürftig bezeichnen. Der Schlafplatz besteht aus einigen Sitzreihen, wobei die Sitze weder nach hinten noch die Lehnen hochgeklappt werden können. Das wird also eine Nacht auf dem Boden. Zum Glück habe ich meine Matte mit nach oben genommen, denn während dem Fahren ist der Zugang zu den Fahrzeugen abgeschlossen. Der Schlafraum ist außerdem Durchgang zum Deck, der regelmäßig benutzt wird, und die Deckenlampen scheinen die ganze Nacht mit voller Stärke. Nein, das ginge nicht anders, bekommen wir paar müde Geister zu hören. Vorteil jedenfalls ist, dass ich früh aufwache (und oft zwischendurch), und in meinem Schlafsack auf Deck den Sonnenaufgang erleben darf! Müde und freudig erwartungsvoll komme ich um die Mittagszeit in Travemünde an. Und wie wunderbar ist es dann, dass mein „Hol- und Bring-Freund“ Tom auch da ist und wir uns nach einigem Suchen tatsächlich finden und unser Wiedersehen feiern können! Wir fahren gemütlich in zwei Tagen nach Nijmegen… ja, und dann beginnt mein „normales“ Leben zu Hause wieder, gewöhnungsbedürftig, aber auch schön.

Zum Schluss noch kurz etwas zu der Frage, die ich öfters gestellt bekam: wie hast du es denn mit den praktischen Sachen gemacht? Übernachten, essen, Kleider waschen… Also, das meiste Geld habe ich an Übernachtungen ausgegeben, was eigentlich nicht geplant war, aber weil ich viel weniger Geld fürs Essen brauchte als erwartet, war mein Budget offensichtlich nicht überfordert… Sonst hätte ich öfters im  Zelt schlafen „müssen“. Nicht, dass es eine Strafe war, aber ich konnte den Luxus schon genießen, dass ich kein Zelt auf- und abbauen muss, dass ich aufrecht stehen kann, dass ich elektrisches Licht habe… Fürs Essen habe ich wie gesagt viel weniger Geld gebraucht, da eigentlich in jeder Unterkunft und auf jedem Campingplatz eine eingerichtete Küche oder eine Mikrowelle steht. Ich bin praktisch nie essen gegangen. Oder mal im Besucherzentrum von Nationalparks, wo man sich für 10 € am Buffet bedienen kann. Meine Kleider habe ich meistens gewaschen, wenn ich irgendwo mehrere Tage blieb; von Hand, mal in einem Waschbecken, mal in einem Eimer. Wenn man so unterwegs ist, ist vieles auch einfacher. Was ich mir wohl angeschafft habe für meine nächste längere Radtour, ist ein kleines, superleichtes und bequemes Stühlchen. Kann man überall aufstellen, wo man will J Unterwegs habe ich ein Paar gesehen, etwa in meinem Alter, die gemütlich lesend in ihren Stühlen neben ihren bepackten Fahrrädern saßen. Das gefiel mir.

Ja und jetzt, zwei Jahre später, greife ich die Idee des Eisernen Vorhangs wieder auf, und werde im August den deutschen Teil „erradeln“, von Lübeck nach Hof. Eine Reise entlang der deutschen Geschichte; die ich zum Teil selbst miterlebt habe. Ich habe mir etwa 6 Wochen Zeit genommen. Bin gespannt und freue mich drauf! Wahrscheinlich schreibe ich keine Reiseberichte, sondern führe nur Tagebuch. Ich bin auch nicht so lange unterwegs. Mal schauen.

Als „Nachtisch“ noch eine kleine Köstlichkeit über die Finnen und ihre Sprache, aus Alex Rühle: „Europa, wo bist du? Unterwegs in einem aufgewühlten Kontinent“:

„Als Gott fertig war mit seiner Schöpfung, setzte er sich hin und spielte zur Belohnung eine Runde Scrabble gegen sich selbst. Er saß natürlich an einem kosmisch großen Scrabblebrett und hatte auch entsprechend viele Buchstaben zur Verfügung. Er legte Logos und Atman, Genesis und Weltgeist, Buddha, Kismet und Mittsommernacht und freute sich ab und zu über einen dreifachen Buchstabenwert. Als ihm nichts mehr einfiel, schaute er runter auf die Erde, auf der inzwischen ein munteres Geplauder unter den Völkern angehoben hatte. Nur im Norden rechts oben saß ein Volk, das völlig stumm vor sich hinwerkelte. Die Finnen.

Da nahm Gott eiligst all die Buchstaben, die er nicht untergebracht hatte, die unendlich vielen Ä und Y und Ö und J und ließ sie auf diesen Landstrich schneien. Die Finnen gingen hin, sammelten all die Laute ein wie Blaubeeren und kneteten daraus die seltsamste Sprache der Welt, voller rätselhafter Wörter wie päivällistä und tykkää, syödä und päättyä, tyttöystävä oder töölössä. Seither sagen sie auch ab und zu einen Satz.

… Ich bin vom ersten Moment an ziemlich beglückt von dieser Sprache, die einen so fremd anglitzert.“

2 Reacties

  1. Danielle:
    18 juli 2025
    Lieve Anne, vanuit de cevennen..na pech met camper, nu soort covid met 1 dochter, ook ziek nu..lees ik n deel van jouw verhaal. De rest later. Wat een prachttocht, Anne. We zwaaiden je uit en verwelkomden je weer thuis. Wat een moed van jou. Zo bijzonder. De zin: mijn hart tot de rand toe gevuld met moois en goeds ( zo ongeveer) blijft me bij. Dat ben JIJ.
    Voor nu..vroeg in de ochtend..fijn dat je het afschreef.. en een dikke knuf van Danielle
  2. Jac:
    7 augustus 2025
    Liebe Anne, wat weer een prachtig verhaal, ook na twee jaar nog vet levendig, vermakelijk, wonderlijk en avontuurlijk. Wie anders dan jij kan dat zo? Daar is geen woord Fins van.
    en nu alweer weg uit Lubeck en tegelijk wordt het warmer en droger. Fijne reis, met nu ongepubliceerde avonturen. Gute Reise Anne Unterwegs.
    Jac